Landkreisumradelung

Ab dem 8. Juli 2017 wird Dr. Dennis Schütze, Kultur- und Musikwissenschaftler und erfahrener Reiseblogger aus Würzburg, täglich über die Etappe des Vortags berichten. Die Tour startet und endet in Obersinn.

 

Die Landkreisumradelung findet von 7. bis 16. Juli 2017 statt, kurzfristige Änderungen z.B. aufgrund des Wetters sind möglich. Im Folgenden finden sich die Eindrücke aus dem Sinngrund.

Etappe 1: "Sinngrund" Obersinn-Fellen

Quelle: http://rundherum.main-spessart.de/ Datum: 07.07.17

Nach ein paar letzten Erledigungen am Vormittag schwang ich mich am frühen Freitagnachmittag in meiner Heimatstadt Würzburg auf's Rad, fuhr zum Bahnhof und stieg in den Regionalexpress Richtung Gemünden am Main. Fast hätte ich vergessen dort umzusteigen, mir war gar nicht klar gewesen, dass das nötig ist, aber in letzter Minute hatte ich eine Eingebung, der richtige Anschlusszug stand abfahrbereit auf dem Gleis gegenüber und dann ging's auch schon weiter. Die Zugfahrt sorgte für die richtige Einstimmung, links und rechts der Strecke wurde es immer ländlicher und bewaldeter, blauer Himmel und sattes Grün. In Obersinn stieg ich aus, alles gut, Anfang der Tour. Ich hatte mir vorgenommen ein Foto davon machen zu lassen, aber es war einfach überhaupt niemand da, den ich darum hätte bitten können. Ich stand einsam am Gleis, alleine mit mir und meiner Aufbruchstimmung. Aber ganz undokumentiert wollte ich diesen Augenblick nicht verstreichen lassen, deswegen hier ein Selfie von Bahnhofsschild, Fahrrad und mir.

Das Flüsschen Sinn teilt Obersinn in zwei Gebiete. Der östliche Teil gehört zur Südrhön, der westliche Teil zum Spessart. Vom hochgelegenen Bahnhof ging's abwärts zur Sinn, vorbei an einem sympathischen Eisladen, aber ich hielt mich zurück, wollte loslegen. Auf dem Rückweg werde ich wieder in Obersinn ankommen und mir dann etwas mehr Zeit nehmen. Hier ein paar Eindrücke entlang des kurzen Weges.

Die Etappe startete auf dem Wanderweg O2 Richtung Emmerichsthal. Der Fahrradweg über Jossa war nicht eingeplant, wäre zwar weniger bergig gewesen, hätte aber entgegen der Idee über Landkreis- und Landesgrenze nach Hessen geführt. Befahren werden sollen aber die Innengrenzen des Landkreises. Also ging es entlang eines Kolonnenweges, der sich recht bald in einen Schotterweg wandelte, erstmal bergauf.

Genaugenommen steil bergauf in der prallen Nachmittagssonne, das war ganz schön anstrengend und schweißtreibend. Mir wurde schnell bewusst, dass ich auf der heutigen Etappe nichts geschenkt bekomme. Während ich so vor mich hin kurbelte und hin und wieder auch etwas schob, muss ich irgendwo ein Wegschild übersehen haben, denn ich kam nach nur wenigen Kilometern an eine Kreuzung ohne Beschilderung. Ich folgte meinem inneren Kompass in der Richtung, die mir naheliegend erschien. Es ging weiter stramm bergauf und ich gestand mir ein, dass ich mich etwas verfranzt hatte als ich ein Schild mit der Aufschrift "Kögersberg" fand. Der Berg war eigentlich nicht eingeplant gewesen.

Also was jetzt? Hm, mal abwarten. Kurz danach hörte ich ein entferntes Geräusch, das zügig näher kam. Es war ein moderner Traktor, der mit ordentlichem Tempo in meine Richtung bretterte. Ich stellte mich mit dem Fahrrad an den Wegesrand und winkte mit der Karte. Erst als der Traktorfahrer neben mir anhielt, wurde mir klar was für ein komisches Bild ich als abgekämpfter Mann mit nacktem Oberkörper mitten im Wald abgegeben haben muss. War aber kein Problem. Ich fragte nach dem Weg nach Emmerichsthal und bekam diese Antwort: "Immer gradaus bergauf und an der dicken Eiche rechts n'unter." Dann fuhr er weiter. Ich überlegte noch kurz, ob sich der Einheimische einen Scherz mit einem Auswärtigen erlaubt hatte, fuhr dann aber mangels Alternative nach seinen Anweisungen weiter. Und siehe da: Alles hatte seine Richtigkeit, der Weg war leicht zu finden, Der Mann hatte es geschafft mit wenigen, einfachen Worten eine präzise Wegbeschreibung zu vermitteln. Am Tanzplatz (sympathischer Name), dem höchsten Punkt ringsum, standen gleich mehr dicke Eichen und ein klitzekleiner Wegweiser, den ich fast übersehen hätte.

Danach ging es sehr lange bergab, aber während ich die Räder rollen ließ, spürte ich erste, vereinzelte Regentropfen vom Himmel fallen. Ich musste kaum noch treten bis nach mehreren Kilometern der Wald auftat und ich in Emmerichsthal einfuhr. Die Ortschaft ist eigentlich nur eine Ansammlung von wenigen Häusern, steht aber schon lange, denn hier wurde jahrhundertelang Glas hergestellt. Lange Zeit waren deswegen die umliegenden Anhöhen auch kahlgeschlagen, weil die Bäume zu Brennholz verarbeitet wurden. Heute ist freilich wieder alles bewachsen, allerdings mit vielen Fichten und nicht wie einmal ursprünglich mit Laubbäumen. Ich hatte mich nach der zurückliegenden körperlichen Anstrengung schon auf ein kühles Getränk in der Gaststätte Waldesruh gefreut, aber leider war gerade mehrwöchiger Betriebsurlaub, Mist. Gegenüber in einem ehrwürdigen, alten Haus kam aber gerade jemand zur Tür heraus und ich bat von weitem um ein Glas Wasser. Der freundliche Mann sah mich kurz an und rief: "Kannst aber auch a Bier ham'." Na, solch ein gastfreundliches Angebot konnte ich natürlich nicht ablehnen. Ich bekam ein kühles Emmerichthaler Oettinger, stand mit Rudi an seinem Gartenzaun und erzählte ihm von meinem Auftrag und es entwickelte sich ein nettes Gespräch. Kurz kam auch sein Bekannter Jürgen dazu, der als Lastwagenfahrer Holz für die bayerischen Staatsforsten transportiert. Auf einem Smartphone zeigte er mir ein Bild seines beeindruckenden knallroten Lasters und meinte, es könnte sein, dass ich ihm bei meiner weiteren Fahrt im Wald begegne. Falls das passiert, werde ich respektvoll zur Seite treten. Rudi wiederum erzählte von der Geschichte der kleinen Ansiedlung und dass früher seine ganze Familie hier gewohnt hätte. Später sind sie für einige Jahre in die USA ausgewandert, aber er ist vor ein paar Jahren in sein Heimatdorf zurückgekehrt und hat die Glashütte saniert, die er heute bewohnt. Weil ich ja auch ein kleines Faible für die USA hab, haben wir uns darüber ein wenig ausgetauscht. Dann begann es zu regnen, wir stellen uns unter die Veranda, während es draußen donnerte und heftig zu regnen begann. Das Rad hatte ich solange untergestellt und selbst blieb ich natürlich auch trocken. Hier ein Foto der sanierte Glashütte, man kann eine US-amerikanische Flagge am Gerüst erkennen.

Als das Gewitter vorbeigezogen war, verabschiedeten wir uns und ich fuhr weiter. Die Wiesen dampften im flachen Gegenlicht der Sonne und mir stand ein langer Anstieg über feuchte Schotterpisten bevor. Ich folgte dem Piktogramm, das die Steigungsbedingungen ziemlich realitätsnah zusammenfasste.

Es ging nochmal steil bergauf. Weit und breit kein Mensch und ganz selten mal ein Wegweiser. Ich war von Rudi aber gut instruiert worden, nur waren die feuchten Schotterwege schwergängig, das Bier hatte mir wieder etwas Kraft gegeben, aber ich spürte die dauerhaften körperlichen Anstrengungen langsam in den Armen und Beinen. Irgendwann war der Anstieg aber geschafft und es ging wieder bergab, ich kam an eine Kreuzung und entschied mich für die Teerstraße, oh, wie ging das auf einmal leicht. Kurz danach die Abzweigung nach Deutelbach, fast eine Art Sackgasse. Es war schon Abend geworden.

Im Dorf stand in der Mitte eine alte Wasserpumpe, ich fragte einen Mann in der Nähe, ob die noch gehen würde, doch der verneinte. Aber wenn ich Durst hätte, könnte ich mitkommen und er würde mir eine Flasche Wasser geben. Gerne doch! Also gingen wir zu Fuss auf den benachbarten Hof und er holte mir eine frische Flasche kühles Wasser. Ich erzählte vom Projekt und fragte nach einem schönen Radweg Richtung Aura. Seine Frau und weitere Verwandte kamen dazu und es wurde eine passende Strecke auf der Karte inkl. einiger möglichen Alternativen diskutiert. Die Leute hier reden kein Fränkisch, sondern ein weiches, sehr sympathisches Hessisch und gastfreundlich sind sie auch, mir wurde gleich ein Abendessen angeboten, aber ich musste leider ablehnen, hatte ja noch Strecke vor mir. Es ging noch etwas bergauf, danach folgte eine schöne Abfahrt, erst auf Schotter, dann auf der Straße, die ich zuvor verlassen hatte.

Knappe 30 Min. später erreichte ich Aura im Sinngrund. Der Dorfladen hatte leider schon geschlossen, sonst hätte ich da mal reingeschaut, sah ganz nett aus. Angeblich kann man da schon vor 6 Uhr früh frühstücken, kann kaum glauben, dass das stimmt, aber könnte durchaus sein.

Für mich ging es weiter zu meinem Etappenziel Fellen entlang der Aura. Ein schönes Bachtal, hier wird gerade ein neuer Radweg gebaut, war aber noch nicht befahrbar, also nahm ich die Straße, kein Problem, kaum Autos und ganz leicht bergab, ein angenehmer Etappenbeschluss. Um ca. 19.30 fuhr ich in Fellen ein, einmal entlang der Hauptstraße bis zu meiner Unterkunft in der Oberen Mühle, einem Reiterhof mit Gästezimmern. Ich wurde mit einem Lächeln empfangen, man wusste bereits, dass ich komme, schnelle Dusche und ein leckeres Abendessen vom Grill, da ging's mir gleich viel besser, war schon ein kräftezehrender Ritt gewesen. Während ich noch beim Essen saß, kam spontan Bürgermeisterin Zita Baur vorbei und wir verabredeten uns am Kneippbecken, einem populären Treffpunkt in der Dorfmitte. Keine halbe Stunde 'in town' und schon ein abendliches Date, nicht schlecht, oder? Vom Treffpunkt machten wir einen kleinen Spaziergang und Frau Baur zeigte mir einige Sehenswürdigkeiten und erklärte mir dabei auch die allgemeine Situation. Rechts und links saßen die Bewohner mit Freunden und Bekannten in den Gärten und grüßten lässig über den Gartenzaun. Hie und da wurde noch auf dem kurzen Dienstweg etwas verabredet oder mitgeteilt, alles ultra entspannt und angenehm. Wir kamen am alten Sägewerk vorbei, einer alten, verfallenen Industriestätte, die die Gemeinde gerade gekauft hat und daraus etwas machen will. Frau Baur ist die nette Frau auf dem Bild. Sie hat sich bereit erklärt sich ins Bild zu stellen, damit ich in diesem Artikel wenigstens ein Foto mit einer Einheimischen präsentieren kann.

 

 

Im schuldenfreien Fellen scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Als der Spaziergang abgeschlossen war und wir wieder zum Ausgangspunkt zurückgekommen waren, überraschte mich Frau Baur mit dem Angebot noch mit auf die Geburtstagsfeier einer benachbarten Freundin zu kommen. Aber gerne doch! In einem Innenhof waren lauter nette Leute versammelt, aßen, tranken und erzählten sich was. Einige hatten schon von der Radtour im Lokalteil der Zeitung gelesen und erkannten mich. "Du bist doch der Blogger!" Schnell saß ich mit einem Kaltgetränk mitten in der Runde und kam mit den Anwesenden ins Gespräch. Meine Gesprächspartner waren ganz offen und interessiert, sie erzählten von sich und stellten mir viele Fragen. Joachim, ein passionierte Radfahrer, gab mir wertvolle Tipps zur weiteren Strecke und erzählte von seinen Erfahrungen bei Langstrecken im In- und Ausland. Im Verlauf des Abends wurde es immer lustiger, es wurde zwar kühl, aber auch dafür hatte Frau Baur eine Lösung und reichte mir ungefragt eine wärmende Decke (ich habe versprochen das lobend im Artikel zu erwähnen). Mir wurden noch diverse Einladungen für den nächsten Tag unterbreitet, mal sehen ob ich dafür noch Zeit finde, erstmal muss ich ja den Artikel zur ersten Etappe schreiben. Kurz nach 1:00 nachts verabschiedete ich mich und machte mich auf den Weg zu meiner Unterkunft, ich legte mich auf's Bett und war in Sekunden eingeschlafen.

Danke an die Bewohner von Fellen für den herzlichen Empfang. Nur eines ist mir aufgefallen: Die Leute sollten hier definitiv öfter Hüte tragen!

Etappe 2: "Spessart-Nord" Fellen-Wiesthal

 

Quelle: http://rundherum.main-spessart.de/ Datum: 07.07.17

Als ich am Morgen so gegen 8:00 in meinem Gästezimmer erwachte, war alles noch ganz ruhig draussen. Ich hatte eigentlich erwartet, dass ich von Kindergeschrei und wiehernden Pferden geweckt werde, aber nein, weit gefehlt. Ich kramte ein paar Unterlagen und die Karte zusammen und machte mich auf den Weg zu Joachim. Ihn hatte ich am Abend zuvor bei einer Feier kennengelernt und wir waren zusammen nach Hause gegangen, weil er fast genau gegenüber von meiner Unterkunft wohnt. Bei unserer Verabschiedung hatte er angeboten, dass ich am nächsten Morgen vorbeischauen könne. Als ich ankam, saß er mit seiner Familie beim Frühstück und lud mich ein mitzuessen. Hab ich aber auch immer ein Glück! Nach dem Frühstück wurde der Nachbar zum Junggesellenabschied abgeholt, es kamen ein paar lustige junge Männer mit Bollerwagen und Bierflaschen um die Ecke, und der zukünftige Ehemann musste sich einen albernen Helm aufsetzen und mit losziehen, ich ging wieder zurück zur Mühle. Freundlicherweise durfte ich den hauseigenen Rechner benutzen und verbrachte den weiteren Morgen mit dem Verfassen des Blogartikels.

Nachdem das erledigt war, besuchte ich noch Claus und seine zauberhafte Frau Romy. Beide hatte ich ebenfalls bei derselben Feier kennengelernt. Claus ist Landschaftsarchitekt, hat danach aber noch Bühnenbau studiert und schon Arbeiten in anderen Städten betreut, u.a. an der Philharmonie in Berlin, ich war beeindruckt. Inzwischen ist er in sein Heimatdorf zurückgekehrt und hat den Familienbetrieb übernommen. Und seine Frau ist von Berlin nach Fellen mitgekommen. Ich traf sie in der Baumschule Hornung, wir tranken Kaffee und quatschten. Zum Abschied reinigte mir Claus mein schmutziges Rad mit einem Dampfstrahler und klebte mir ein kleines Plastiktöpfchen mit einer Lavendelpflanze auf den Gepäckträger. Fellen Dank!

Als ich auf die Straße rauf zur Bayerichen Schanz bog, spürte ich schon, dass die Beine gut waren. In der Nacht hatte ich mich erholt und der lockere Vormittag hatte auch gut getan. Einen kleinen Stopp legte ich bei der Wallfahrtskirche in Rengersbrunn ein. Besichtigung der Kirche und kleine Erfrischung am Brunnen davor. Weiter ging's bergauf zur Schanz, lief gut bis ganz oben, ohne absteigen. Die Strecke ist eigentlich wunderschön, die Straße führt durch bewaldete und offene Stellen. Aber Joachim hatte mich schon gewarnt: Es ist auch eine beliebte Motorradstrecke. Immer wieder knatterten von vorn und hinten kleine Gruppen an mir vorbei, das war etwas nervig und zum Teil auch beunruhigend, weil sie an den Geraden gerne mal etwas mehr Gas geben, als sie sollten. Irgendwann war ich oben und genehmigte mir in der Ausflugsgaststätte Kuchen und eine Apfelschorle.

Leider ist der höchste Punkt ringsum bewaldet, man hat also keine Aussicht, wohin man auch blickt. Nach Asphalt nach oben folgte jetzt ein Schotterweg bergab, ca. 11km Richtung Frammersbach, schöne Strecke, die Sonne kam raus, ich rollte jedoch die meiste Zeit im Schatten der Bäume ins Tal. In Frammersbach war erstmal kein Mensch auf der Straße und es stellte sich auch bald heraus warum. Genau an diesem Tag feierte der ortsansässige Spielmannszug sein 50-jähriges Bestehen. Im Zentrum stand ein wirklich riesiges Festzelt, es war noch nicht besetzt, aber für eingeladene Kapellen aus der erweiterten Region waren schon etliche Biertischgarnituren reserviert. In 1h sollte der Sternmarsch Richtung Festzelt beginnen.

 

Ich trank ein gemütliches Bier in dem gigantischen Zelt und hörte einer Kapelle beim Soundcheck zu. Einwandfreie Marschmusik, vorzüglich und äußerst präzise gespielt, hat was, ist schwer sich dem zu entziehen (ist ja auch der musikalische Sinn der Sache). Ich musste trotzdem los, hatte ja noch was vor mir, raus aus der Ortschaft, auf dem Weg kamen mir die Massen entgegen, alle waren auf dem Weg zum Umzug, ich der einzige auf dem Weg in die entgegengesetzte Richtung, rauf den steilen Berg zur Kreuzkapelle, kein Mensch außer mir war hier unterwegs.

Nach dem Besuch der Kapelle ging's lange bergab Richtung Habichsthal, einer kleinen Enklave, von dort entlang oberhalb des Aubachs weiter zu meinem Etappenziel Wiesthal.

Das Dorf wie ausgestorben. Ich fand gleich meine Unterkunft, den Wiesthaler Hof, eine Kombination aus Metzgerei, Gastwirtschaft und Pension. Empfangen wurde ich von Kuni dem Wirt, ein echtes Spessartoriginal, er stand mit 2-3 anderen Dorfbewohnern an der Theke und sagte mir, was ich schon gesehen hatte: Das Dorf ist tot, alle weg, auf irgendwelchen Festen oder Feiern. Ich konnte mir schon denken, wo die alle waren: in Frammersbach. Nachdem ich geduscht hatte, stellte mir Kuni ein kühles Radler vor die Nase, ah, das tat gut. Danach schwang ich mich nochmal auf's Rad und trödelte durch die Gassen, aber wohin ich auch fuhr, es war wirklich nirgends was los. Sogar der Bürgermeister war weggefahren und hatte das Dorf und mich für diesen Abend zurückgelassen. Meine Besichtigungstour war also schnell erledigt.

 

Wieder zurück zu Kuni, der saß draußen und rauchte, während drinnen die Stammgäste an den Tischen saßen, Selbstbedienung. Ich saß bei ihm und Kuni lief zur unterhalterischen Hochform auf. Er erzählte mir von seinen weit zurückliegenden Reisen auf alle Kontinente und in aller Herren Länder. Jedesmal, wenn ein Flugzeug über uns flog, sprang er auf und schätzte woher es kam oder wohin es ging. Er fragte mich, ob ich die Himmelsrichtungen zuordnen könne (Test bestanden), erzählte von seinen Vorfahren, seiner Familie, dem Dorf und alles und überhaupt. Hin und wieder schaute ein Stammgast zur Tür raus und Kuni rief nur lapidar rüber, er solle sich sein Bier selber holen oder einschenken, whatever. Ich hatte meine kleine Freude an den Geschehnissen und war nach einer Weile der festen Überzeugung, dass ich hier gerade mehr dörflichen Alltag erlebe, als es zur gleichen Zeit im Festzelt in Frammerbach möglich gewesen wäre.

Ich verarztete nebenbei eine kleine schmerzhafte Wunde, hatte einen Spreisel unter dem Fingernagel, Kuni bestand darauf, dass ich mit Zwetschgenwasser desinfiziere. Auf das Abendbrot verzichtete ich, war nicht sicher ob Kuni dafür noch Kapazitäten gehabt hätte, wollte ihn aber auch nicht in seinem Gedächtnisstrom unterbrechen, er war gerade so schön im Flow, das muss man laufen lassen. Statt Abendessen also ein Radler, ein Weizen und ein Bier, ach ja und der Schnapps. Und weil drei Bier ein Abendessen ersetzen, man aber dann rechnerisch noch nichts getrunken hat, schloss ich ab mit einem Malzbier, das Kuni hervorgezaubert hatte um einen seiner Gäste zu necken. Ich sagte, komm gib her ich trink das, muss ja auch weg. Dann bin ich rauf auf mein Zimmer und hab geschlafen wie ein Stein.

 

Morgen um 12.00 treffe ich den Landrat und wir fahren die nächste Etappe zusammen.